Sound Studies: Disposiitive funktionaler Klänge

Am 14. und 15. Januar hatte ich Gelegenheit, an einer Tagung im DCRL zum Thema Dispositive funktionaler Klänge teilzunehmen.soundstudiesDispositiv

Funktionale Klänge in Casual Gaming, Sound Branding, in akustischen Leit- und Navigationssystemen sowie im Produktdesign insb. bei mobilen Endgeräten wurden vom gleichnamigen DFG-Projekt am Sound Studies Lab seit 2011 untersucht: in Feldforschungen, bei Klanggestaltern und mittels kritischer Analyse historischer Ansätze zur Deutung von Klangzeichen. In Kooperation mit dem Digital Cultures Research Lab und dem Schwerpunkt Ästhetische Strategien ((audio)) an der Leuphana Universität Lüneburg wandte sich dieser Abschlussworkshop nun vor allem den technischen, transkulturellen und historischen Dispositiven des Klangs, u.a. in den Feldern Game Sound, Musikstreaming und Sound Design, zu. (Vgl.: Tagungsprogramm)

Gleich zu Beginn der Tagung wies Holger Schulze auf die Kernfrage des Sound Studies Lab: „Wie werden mediatisierte, nichtsprachliche Klangzeichen erlebt und wie ist ihre Gestaltungstheorie kulturwissenschaftlich zu beschreiben?“ Gestaltung und Design sind Teil sowohl wissenschaftlicher als auch künstlerischer bzw. gestalterischer Auseinandersetzung. Der Begriff des Dispositiv eignet sich um funktionale Klänge umfassend unter Berücksichtigung folgender Parameter zu betrachten:

  • technischer Apparaturen der Klangübertragung (z.B.: DAW/ Musiksoftware)
  • Device, für das gestaltet wird (z.B.: Smartphone)
  • Arbeitsplatz/ Agentur
  • Präsentation/ Aufführungspraxis
  • technische Apparaturen des Hörens (z.B.: Kopfhörer)

Eine Theorie des Sounddesigns müsse berücksichtigen:
1.) Eigenarten ihrer Gestalter, die immer auch Rezipienten sind (siehe Prosumer)
2.) Die Institution/ den Auftraggeber und Ihre „Lärmschutzobsession“ sowie
3.) die Situativität der Wirkung von Klängen/ ihre Abhängigkeit von Kontext und Individueller Wahrnehmung.

Im weitern weiteren Verlauf des spannenden Workshops ging es außerdem um:
Pavlovs Hund, dessen Speichelfluß auf ein Glockenklang konditioniert wird, Berechenbarkeit und Auffindbarkeit sowie das Hifi-Dispositiv als den besten Platz im Raum (Rolf Großmann);
den „freien Klang“, losgelöst von Funktion, Medietechnik, Kontext, Individualität und Präsentation, Musik als Funktionalität von Klang, die Futurrythmaschine bei Kodwo Eshun und die Noterepeat-Funktion hörbar bei Dj Rashad „I don`t give a fuck“ (Malte Pelleter);
Sounds als Navigagationselemente in AudioGames (Sonia Fizek);
Kritik an Produkt-Sound Designs, der Trennung zwischen Produzierenden und Nutzern, Manipulierbarkeit und Authentitzität (Anna Symancyk);
die Funktionalisierung des Musikgeschmacks durch Spotify und Co. und Musikhören als Hören und Navigieren (Mathias Denecke);
sowie die Zeichenhaftigkeit alltäglicher funktionaler Klänge (Clara Maier).

Literatur:

 

Baudry, J.-L. (2002). Das Dispositiv: metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks. In Kursbuch Medienkultur : die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard (S. 381–404). Stuttgart: Dt. Verl.-anst.,.
Collins, K. (2013). Playing with sound: a theory of interacting with sound and music in video games. Cambridge, Massachusetts: MIT Press.
Deleuze, G. (2013). Foucault. (H. F. Kocyba, Hrsg.) (7. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Foucault, M. (1978). Dispositive der Macht: über Sexualität, Wissen und Wahrheit (Dt. Ausg.). Berlin: Merve Verl.
Großmann, R. (2008). Verschlafener Medienwandel: das Dispositiv als musikwissenschaftliches Theoriemodell. Positionen : Texte zur aktuellen Musik, 74(74), 6–9.
Klußmann, J. (2005). Musik im öffentlichen Raum: eine Untersuchung zur Musikbeschallung des Hamburger Hauptbahnhofs. Osnabrück: Electronic Publ.
Pinch, T. J., & Bijsterveld, K. (Hrsg.). (2012). The Oxford handbook of sound studies. Oxford: Oxford Univ. Press.
rg_verschlafener_medienwandel.pdf. (o. J.). Abgerufen von http://audio.uni-lueneburg.de/texte/rg_verschlafener_medienwandel.pdf
Schulze, H. (2008). Sound studies: Traditionen – Methoden – Desiderate ; eine Einführung. Bielefeld: transcript.
Spehr, G. (2009). Funktionale Klänge: hörbare Daten, klingende Geräte und gestaltete Hörerfahrungen. Bielefeld: transcript.

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